WRITE-OFF!!! Round 1

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Einleitung

Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass sich der heutige Beitrag von den restlichen unterscheidet. Es ist ein gemeinsames Werk von mir und einer Blogkollegin, ein so genannter „Write Off“ (die Liebhaber von Zoolander können sich vielleicht schon etwas darunter vorstellen). Der Begriff „Write Off“ ist dem berüchtigten „Walk Off“ aus dem Film „Zoolander“ entlehnt – ein grossartiger Streifen  – und ist nicht zu verwechseln mit einer ökonomisch gemeinten Abschreibung (hier wird nicht abgeschrieben!). 

WO

Es geht darum, dass sich dort zwei Male Models einen Wettbewerb auf dem Catwalk liefern. Walk Off eben. Der Write Off ist ein wenig dasselbe, nur dass hier Worte und Bilder zählen und nicht Muskeln oder Victorias Secret Attribute.

  • Im Write Off zeigen zwei Schreibparteien, was sie von einer Sache halten.
  • Der Write Off ist eine Art Gastbeitrag und gleichzeitig ein freundschaftlicher Schreibwettbewerb.
  • Die Inhalte der zum Write Off antretenden Partei finden sich deshalb auch auf der folgenden Seite: http://undschonwiederschreibtsie.blogspot.ch
  • Es wird ein Thema gewählt, über welches beide Teilnehmer schreiben.
  • Am Ende übernimmt eine unabhängige Person die Rolle des Schiedsrichters. Und weil David Bowie grade sehr beschäftigt ist, übernimmt dies für diesen Write Off die ehrenwerte Frau R. – Applaus!

Den Anfang macht in genderkonformem blau Herr B. in der linken Ecke, ohne Mundschutz und mit blossen Händen schreibend. In dezentem dunkelpink in der rechten Ecke dann anschliessend die Autorin dieser Seite, mit Stulpen schreibend, weil es momentan so elend kalt ist.

Das Thema: Beinahe-Filmklassiker,aus der Sicht der Männer und der Frauen interpretiert. Heute: „Bridget Jones“.

Die Männersicht. Also MEINE:

Blogkollegin (oder Bloggollegin) Eve hat mich aufgefordert, einen Film zu rezensieren und diese beiden Meinungen dann im Rahmen eines innovativen „Write-Off“ auf ihrer und meiner Blogseite zu posten. Ich weiss nicht, woher sie solche Ideen hat, auch der martialische Begriff des „Write-Off“ war meinem friedliebenden Gemüt gänzlich unbekannt. Gegen Filmrezensionen habe ich natürlich gar nichts, im Gegenteil, ich liebe Filme, und wenn sie mir nicht passen, dann liebe ich es, sie auseinander zu nehmen.

Natürlich will ich als Filmrezensent tadellose Arbeit abliefern. Dabei ist es wichtig, dass die Umgebung, in der das Filmgut konsumiert wird, möglichst idealen Bedingungen entspricht. Beispielsweise sollte die Raumtemperatur und die Luftqualität genregemäss angepasst sein: bei einem Horrorfilm sollte man stets ein leichtes Frösteln verspüren, ein Historienepos sollte man sich in einem seit Tagen ungelüfteten Raum und in dezent schweisselnden Klamotten zu Gemüte führen, einen erotischen Thriller bei Raumtemperaturen über 30, einen Science Fiction-Film dagegen bei unter Null Grad. Schliesslich ist es scheisskalt im Weltraum und da hört einen auch niemand schreien, also bindet man sich am besten zusätzlich noch einen schalldichten Mundschutz rum. Wenn also mal jemand einen erotischen Mittelalterthriller mit Zombies im Weltraum drehen sollte, dann gute Nacht.

Glücklicherweise erforderte der ausgewählte Film keinerlei solche Massnahmen: „Bridget Jones‘ Diary“. So ein Frauenfilm halt. Verstohlen dimme ich das Licht, schliesse die Jalousien und warte zwei Stunden, bis auf der gegenüberliegenden Strassenseite alle Lichter aus sind, da fällt mir erst die Überflüssigkeit meines Tuns auf, denn der letzte Damenbesuch ist schon Jahre her und deshalb denken sowieso schon alle Nachbarn, ich wäre schwul.

Ich genehmige mir einen heissen Tee („Earl Grey Lime“, es ist ja ein englischer Film), fülle mir eine Schale mit M&Ms und bette mich in meinen Sitzsack, einem echten Interio, Baujahr 2008. Ich bin der Meinung, dass Sitzsäcke die bestmögliche Sitzgelegenheit darstellen. Dabei ist es von ausgesprochener Wichtigkeit, dass der Sitzsack wirklich auch die Form eines Sackes hat. In den letzten Jahren haben zahllose fehlgeleitete Designköpfe versucht, den Sitzsack in seiner divinen Form zu beeinflussen, ihn sesselähnlicher zu gestalten. Narren, sage ich! Don’t mess with perfection, wie der Brite zu sagen pflegt. Mein Sitzsack ist so, wie ein Sack sein sollte: anpassungsfähig an den Körper des Be-Sitzers und gefüllt mit vielen kleinen Styroporkügelchen, welche in liebevoller Einzelherstellung auf den nackten Schenkeln junger Kubanerinnen zusammengeröllelet wurden.

Aber kommen wir doch zum Film. Die titelgebende Bridget Jones ist 31 Jahre alt, ist Single (OH MEIN GOTT!) und hat so eine typische Engländerin als Mutter, hager, mit ein bisschen eingefallenen Wangen und Habichtblick. Also wie die von Andy Murray, aber in nett. Jim Broadbent spielt ihren etwas schrulligen Vater und immer wenn ich Jim Broadbent sehe, werde ich unangenehm an den vierten Indiana Jones erinnert, an den ich mich eigentlich wirklich nicht erinnern will. Jedenfalls will die Bridget-Mutter ihre Tochter verkuppeln mit dem Sohn der Darcys, aber der Sohn der Darcys trägt einen gestrickten Rentierpulli und kommt deshalb nicht in Frage, also tauscht Bridget mit ihrem dandyhaften Chef versaute E-Mails und landet mit ihm im Bett, nur um später von ihm betrogen zu werden.

bridget

Dann stellt sich heraus, dass Rentierdarcy doch kein übler Kerl ist, sondern eigentlich saulieb, dann kommt aber der Dandychef dazwischen und er und das Rentier prügeln sich very british und dann will Rentierdarcy eigentlich nach New York und da eine Kollegin heiraten, gerade als Bridget ihm ihre Liebe gesteht. Bridget flennt und hört dazu „out of reach“ von Gabrielle und an dieser Stelle bekommt der Film von mir minus 10 Sympathiepunkte, dann bleibt Darcy aber doch da. Happy End.

Ach war das schön! Auch wenn es wieder so ein Film ist, der uns Männern weiss machen will, die Frauen wären die Opfer, dabei ist es doch in der Realität genau andersrum. Trotz des Geschlechtsunterschiedes, der Kettenraucher- und Säufereigenschaften (also bei Bridget, nicht bei mir) konnte ich mich gut in sie hineinversetzen. Natürlich gibt‘s einige facepalm-Momente, natürlich ist‘s stellenweise arg zuckergussig, aber der Film hat Herz.

Ich vergebe also ganze drei von vier durchgeheulten Taschentüchern, bevor ich mich daran mache, meinen Testosteronspiegel wieder aufzufüllen.

Mit Bier und Fussball. Rülps.

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…und noch bevor der Widerhall dieses Rülpsers in unseren Ohren verklingt, fahren wir fort mit der weiblichen Perspektive der Dinge.

Die Frauensicht.

Ich schaue ja wenig so genannte „Frauenfilme“ aber Bridget Jones musste einfach sein – nach den Büchern erst recht. Deshalb verzichtete ich jetzt darauf, ihn wie Herr B. noch einmal anzuschauen und nachzuerzählen. Mein Vorschreiber hat da ganze Arbeit geleistet. Aber: für diesen Write-Off  zog ich mir sämtliche Erinnerungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und schreibe den Write-Off gestärkt mit einer Tasse Rotwein (ich habe gehört, auch in England gibt es Rotwein). Mit der grossartigsten Szene  des gesamten Fillmes im Kopf – jener, wo Bridget sich überlegt, ob sie nun einen sexy Schlüpper anziehen soll (welcher im Fall einer Eroberung Cleavers sich gut machen würde) oder eher die Oma-Spanx (mit welcher die Chancen, DASS sie Cleaver abschleppt erhöhen) – stelle ich die zuvor bereitgestellten Smarties zur Seite. Irgendwie ist mein Appetit doch nicht so gross gerade.

spanx

Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück und Vodka gerne mal den Tag hindurch immer wieder! Die Frau zieht sämtliche Fettnäpfchen (und die falschen Männer) an wie ein Monstermagnet.  Herrlich menschlich, herrlich tollpatschig und herrlich normalgewichtig. Ach was war das für eine schöne Zeit, im Fernsehen eine solche Frau zu sehen. Dass Rene Zellweger sich für die Rolle gefühlte 20kg raufspeckelte und runterhungerte sei hier mal Nebensache.

Es geht ja im Kern um ein Thema in diesem Film: Gute Männer – schlechte Männer. Wie schon treffend beschrieben wurde, geht es um Bridget Jones, die ihrem Tagebuch sämtliche Vodka Shots, Zigaretten pro Tag und Männergeschichten anvertraut. Auf der Arbeit hat sie ihren Bad Guy – Cleaver. Ein cleverer Kerl, mit dem man es irre lustig haben kann, der aber wenig Traummann-zum-Knuddeln-und-Behalten Qualitäten besitzt. Im krassen Kontrast dazu haben wir diesen anderen Kerl, dessen Namen ich immer vergesse eben WEIL er eigentlich so kreuzlangweilig und unerotisch dargestellt wird – Darcy. Der Good Guy im biederen Rentierpulli. Letzterer trifft es ziemlich gut – das ist so ziemlich das animalischste, was man aus dem Typ herausholen kann. Denkt man!

Denn am Schluss lässt Darcy Sätze fallen, wie „Ich mag Sie wirklich. Genau so, wie Sie sind.“ Und trifft damit bei der betrogenen, pummeligen, unsicheren Bridget direkt in die Herzgegend. Er verzeiht ihr sogar ihre blaue Suppe und kocht am Ende mit ihr ungeniessbare Crèpes. Wie romantisch ist das denn. Ganz offensichtlich ist der langweilige, angepasste, nette Kerl gut für Bridget (und damit stellvertretend jede Frau). Und der ausgeflippte, sexy Typ ein notorisches Fremdgehwildschwein, welches Bridget (und die Frauen) wohl eher nicht glücklich machen wird. Die Moral von der Geschicht‘…?

Irgendjemand hat diese Regeln gemacht denn sie tauchen in so ziemlich allen erfolgreichen Büchern und Verfilmungen auf. Wie in „Shades of Grey“ WEISS die Protagonistin ja eigentlich, wer oder was ihr gut tut, aber sie tut dann doch nicht, was ihr Verstand sagt, sondern ihre Libido. Vermehrt und vergnügt euch mit den Bösen und lebt bis in alle Ewigkeit mit den Guten. Is that the message? Nein. Denn es gibt auch Gesamtpakete. Für Männchen und Weibchen. Aber sie tarnen sich geschickt und fallen neben den Bad Girls und Bad Guys nicht wahnsinnig auf. Drum: Augen auf. Sie sind irgendwo da draussen.

Jetzt wird uns ja im Film auch suggeriert, dass Singles irgendwie nicht komplett sind, und dass jeder Topf seinen Deckel finden könne und irgendwie auch soll. „All by myself – don’t wanna be all by my self anymore“ singt Bridget beschwippst in ihre Haarbürste. Und das gilt nach wie vor, denn James Arthur zum Beispiel singt momentan aus Leibeskräften in den Charts „you’re nobody til somebody loves you“. Das ist doch etwa das Bescheuertste, was man sagen kann. Denn müsste es nicht heissen: „you’re nobody, unless you start liking yourself a tiny little bit too“?

Ich gebe dem Film 3 von 4 Vodkashots, und eine Extragrosse Tafel Milchschokolade extra dazu. Denn er ist witzig, man fiebert mit (obwohl man den Ausgang schon ahnt) und einer der fetten Vodkashot geht an die Oma-Spanx. Ganz grosses Kino, dass sie sich mit sowas an den Backen vor die Kamera traut!

dirty to me

Ob man will oder nicht hofft man als Zuschauer vor dem Fernseher, dass Bridget ihren Good Guy kriegt. Und dass der böse Cleaver eins aufs Dach bekommt. Aber am Ende bleiben dann doch viele Fragen: Wie geht’s weiter mit Bridget und Darcy? Leben sie nun glücklich bis an ihr Lebensende? Gibt’s den Rentierpulli auch in ihrer Grösse? Und was ist mit dem Oma Schlüpper passiert? Was gibt’s denn bitte Schöneres, als am Ende des Films alle unrealistischen Szenen und total vorhersehbaren Momente zu analysieren, auseinanderzunehmen und sie mit einer grossen Cup of Wine herunter zu spülen?

Und wehe es sagt jemand: „Ähm…zum Bischpil…Champions League!“. Dann gibt’s zu Weihnachten einen Rentierpulli und Bridget Jones II.

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Und nun, das Urteil von Frau R.:

„Nun denn, lady und (gentle?)man, Ihr beide habt es nicht anders gewollt. Mit Mundschutz, Stulpen und jeglichem anderen denkbaren Schutz stelle ich mich der ehrenvollen Aufgabe, Eure Beiträge zu bewerten. An dieser Stelle überlege ich mir gerade, ob ich dies wirklich als Schiedsrichterin tun soll oder ob dies nicht bereits zu parteiisch wäre – immerhin lässt der Herr der Runde ganz geschlechterkonform auch das Fussballspiel nicht unerwähnt. Andererseits bin ich ja selber weiblichen Geschlechts, was per se auch schon ein wenig parteiisch ist. Gut, also bin ich Schiedsrichterin und walte meines Amtes. Zunächst meinen Dank an Euch Filmkritiker für diese beiden ideenreichen Beiträge. Das Gute vorweg, rote Karten verteile ich keine. Dunkelgelb muss ich jedoch einerseits für den Rülpser, andererseits für die Tasse Wein vergeben. Bei beidem schreit mein Stilempfinden laut auf. Sowohl der männliche als auch der weibliche Beitrag beinhalten eine gehörige Portion Charme und Witz. Aber: Das Thema lautet ja bekanntlich „Beinahe-Filmklassiker, aus der Sicht der Männer und der Frauen interpretiert“. Eine genauere Analyse der Beiträge zeigt, dass die Herausforderin das Thema getroffen, ihr Gegner dieses eher ein wenig verfehlt hat. Immerhin erwartet man von einer Interpretation in erster Linie wenigstens sich mit dem Inhalt des Films auseinandersetzende Worte und nicht eine schlichte, wenn auch sehr unterhaltsame Zusammenfassung des zu interpretierenden Werks. Die Herausforderin dagegen hat das Konzept dieses typischen Frauenfilms mit einem liebevoll-kritischen Unterton beleuchtet und dazu noch der Singlewelt neuen Mut beschert. Bravo! Lautete das Thema „Filmklassiker – die Gedanken sind frei“, wäre mein Urteil wohl anders ausgefallen und insbesondere die Sitzsackpassage wäre zugunsten des Herausgeforderten ins Gewicht gefallen (hier wurde sogar ein wenig interpretiert!). Vor diesem Hintergrund gebe ich persönlich dem Beitrag in Dunkelpink den Vorzug und überlasse es selbstverständlich den Kommentatoren, eine abweichende Meinung zu vertreten. Einzig über eine harsche Kritik am Thema selbst lasse ich nicht mit mir streiten: Beinahe-Filmklassiker? Also ich muss doch sehr bitten! „Bridget Jones“ IST ein Filmklassiker, Basta.“

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