Herr B. ging spazieren

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Ich ging raus. Es musste sein. Nachdem mir das abartig schöne Wetter jetzt schon seit mehreren Wochen jeden freien Tag und damit potentielle ausgedehnte TV-Serien Marathöner Marathoniaden vermiest hat, gab ich heute Donnerstag, 14:09 Uhr Ortszeit kleinbei und betrat die Welt vor meiner Haustür. Und lief los, einfach so.

therwil

Als ich das Ende der Strasse erreichte, kam mir ein schampar toller Name für eines meiner zahllosen ungeschriebenen Bücher in den Sinn: „Herr B. ging spazieren“ (Roman, Suhrkamp Verlag, maximal 300 Seiten, damit man es in 100 Jahren auch problemlos als kleines gelbes Reclambuch mit beigefügten Analysetexten und Erläuterungen veröffentlichen kann). Der Titel müsste auf dem Umschlag in Grossbuchstaben gesetzt sein, aber in kleiner Schriftgrösse, damit dem gebildeten und schönen Menschen mit Hochschulabschluss (also den Lesern dieses Blogs) gleich auffällt, aha, die vermeintliche Trivialität des Buchtitels ist nur Schein. Tatsächlich geht es um die ganz grossen Themen des Lebens, anfänglich geht ein Mann nur spazieren, aber am Ende mündet die Diegese entweder mit einer völkerverbindenden Message oder dem Atomkrieg. Denn wenn Herr B. spazieren geht, dann hat das weltpolitischen Einfluss.

In Gedanken wurde mein Buch gerade von Elke Heidenreich im Literaturclub mit Lobeshymnen und elitären Phrasen überschüttet, da erhob sich vor meinen Augen mein altes Schulhaus. Meine Teenagerzeit stand kolossenhaft vor mir, verkörpert in 70er-Jahre Architektur aus Beton und rotem Stahl, vielleicht auch Blech. Hallo Vergangenheit, lange nicht mehr gesehen. Minutenlang stand ich einfach nur da, lies die Szenerie und die damit verbundenen Erinnerungen auf mich wirken. Prüfungen, vergessene Hausaufgaben, folgenschwere Entscheidungen wie jene, ob man sich zwei Jahre mit Italienisch oder mit Latein als zusätzlichem Sprachfach herumschlagen sollte: meine persönlichen Skylla und Charybdis.

schule

Beflügelt von mir bisher glänzlich unbekannten sentimentalen Gefühlen entschloss ich mich, meinen Schulweg von damals abzulaufen. Ich überquerte die kleine Brücke über den Marchbach, welcher die natürliche Grenze des Schulareals diente und wo ich mal, um ein Mädchen zu beeindrucken (was sonst), mit dem Velo besonders nah an ihr vorbeifahren wollte und dabei auf meine noch jungen Knochen fiel. Vorbei an dem Gebüsch (ich schwöre es ist noch dasselbe!) wo ich meine ersten Erfahrungen mit Brennesseln gemacht habe („wenn du se unde ahlängsch tuets imfall voll nid weh!“ my ass) und schliesslich nach Osten, den Känelrain hoch. Als Promi würde ich wohl von einem Reporter der Schweizer Illustrierten begleitet werden, der mir lauter gefühlsduselige Fragen stellen und jedes Augenzucken als „Schatten der Vergangenheit huschten über seinen Blick“ deuten würde.

wiese

Weiter ging es vorbei an saftig-grünen, wiesenschaumkraut-verseuchten Feldern und allgemein schmerzhaft schöner Frühlingsidylle. Stellenweise musste ich mir die Szenerie durch die Kamera meines Smartphones filtern lassen, so grell bunt und detailliert war das alles. Ich schlenderte weiter und bog in die Vogesenstrasse ein, eine Strasse, welche mir früher unendlich lang vorkam und deren Ende ich nun nach sieben gemächlichen Minuten erreicht hatte. Überhaupt haben verkehrsberuhigte Quartierstrassen in Wohngebieten unter der Woche etwas surreales. Keine Menschenseele kreuzte meinen Weg, einmal zuckte ich sogar zusammen, als irgendwo ein Teppich ausgeklopft wurde. Alles in allem hat sich aber wenig verändert auf meinem Ex-Schulweg. Da und dort steht jetzt ein neues Haus und dort drüben markiert eine Plastikkuh im Garten den Eingang zur Buttertalstrasse. Zwar ist alles ein wenig kleiner geworden, dafür ich grösser. Ein guter Deal, wie ich finde.

kuh

Irgendwann kam ich wieder bei mir zuhause an. Bevor ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, genehmigte ich mir noch eine Ladung Frühlingsluft. Sie roch nicht nach Atomkrieg. Glücklicherweise.

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