Write-off, Round 3: Legends of Passion and Fall

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Frau H. hat den neusten Write-off schon eine Stunde vor mir auf ihrem Blog gepostet und ich folge jetzt nun etwas später. Was soll ich machen, ich habe halt einen Haushalt zu führen und nicht wie Frau H. zwei kleine Kinder, die mir dabei helfen. Aber kommen wir zum Pudel seinem Kern, dem Corpus delicti, dem Filmi inflagranti. Heute: Legends of the Fall. Frau H. zuerst. In rosa. Ihre Farbe.

Ich mag ja eigentlich keine dieser so genannten „Frauenfilme“. Und auch Brad Pitt lässt mich ziemlich kalt. Ziemlich schlechte Voraussetzungen also für eine Beurteilung von „Legenden der Leidenschaft“. Aber ich habe mich dann so neutral ich nur konnte vor den Fernseher gesetzt, bewaffnet mit einer grossen Hälfte kalter Wassermelone und einem Glas Apfelwein. Allein schon die rasche Lektüre des DVD Klappentextes veranlasste mich zum Gähnen, aber ich hoffte ganz fest, dass mich der Film doch noch zu fesseln vermögen würde. Schliesslich hat der Schinken 1994 einen Oscar eingesackt. Und – ich mag Anthony Hopkins gut leiden. Aber leider bewahrheiteten sich meine Befürchtungen. Sogar Legeenten sind leidenschaftlicher, als dieser Film es ist.

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Schauplatz Montana. Colonel Ludlow (Hopkins) wohnt mit seinen 3 Söhnen auf einer Farm. Richtig los geht es in der Story, als die Verlobte des einen Sohnes zu Besuch kommt, und alle anderen Burschen in der Familie ihre Faszination gegenüber der jungen Dame kaum verstecken können. Ach ja, und um Krieg geht es am Rande auch noch. Aber eigentlich ist ebendieser nur Beigemüse. Alles dreht sich um die hübsche junge Dame, die sowohl im weissen Spitzenrock als auch als wildes Cowgirl Lasso schwingend und Dosen schiessend eine gute Figur abgibt. Ein Mordskerl!

Heimlich beobachtet sie abends den etwas wilderen Bruder (Pitt) den sie eben nicht zu heiraten gedenkt, und man ahnt es schon. Das gibt Ärger. Zwei Minuten danach führt der verlobte Bruder mit dem wilden Bruder bereits ein Gespräch über voreheliche Leidenschaften. Auch so ein Fehler. Und wenn man den langhaarigen Badboy Pitt in seinen Jeans mit dem geschniegelten, im Anzug Federball spielenden Verlobten vergleicht, kann man den Grad an Leidenschaft der beiden Kerle 100m gegen den Wind bereits erahnen (die junge Dame wahrscheinlich auch).

Immer wieder geht es dazwischen um Krieg, Politik, Pferde, Männerkram, Besitz und blablabla. Bei Minute 23 überlege ich mir, wie viele Zuschauerinnen hier wohl diese Szenen einfach überspult haben, um wieder auf die Romanze zwischen Susanna und einem der Herren zurück zu kommen. Wie zum Beispiel die Szene, in welcher Susanna Tristan heulend um den Hals fällt, um ihn zu bitten, ihren Bruder nicht in den Krieg ziehen zu lassen – wuhuuu! Drama ahead. Aber noch geschieht nichts.

Bei Minute 26 freue ich mich über einen weiteren „Brief“ von Hopkins an seine Isabel. Gleichzeitig ziehen die Brüder in den Krieg. Echte Kerle eben. Grosser Abschied von allen – allen voran Susanna. Die Jeansjacke einer der Brüder sieht so neu aus, wie frisch aus dem modernsten Levis Store. Ich merke, dass ich auf Details achte. Das bedeutet, die Handlung fesselt mich zu wenig, sonst fiele das weg (siehe auch Oblivion). Ich stelle fest, dass Hopkins der bestaussehendste Kerl im ganzen Film ist. Es schaudert mich ein bisschen, und ich weiss nicht genau, ob deswegen oder wegen der kalten Melone. In Gedanken überlege ich, welche Mails ich morgen noch für die Arbeit beantworten muss. Vor mir reiten die Brüder auf schmucken Pferden in den Krieg.

Den Erzähler im Off mag ich gut leiden. Als ich in Gedanken weit abschweife, fliegen plötzlich rote Knallkörper über die Leinwand – wie hübsch, ein Feuerwerk! Aber nein, das ist ja der Krieg! Männer rennen, Männer schiessen, Männer fallen in den Schlamm. Es knallt und blinkt und ich denke mir, was ich mir bei Kriegsszenen seit „vom Winde verweht“ immer denke. Nämlich: Wer räumt das wohl nachher alles auf?

Selbstverständlich haben alle relevanten Darsteller überlebt. Noch. Und die Off-Stimme gibt Einblick in die Briefe des Verlobten Samuel an seine Verlobte Susanna. Leider erwischt es ihn dann doch und Bruder Tristan fühlt sich wohl verantwortliche für seinen Tod. Zugegeben, die Sterbeszene ist irgendwie rührend, und unschön. Man wartet auf ein paar letzte Worte wie: „Kümmere dich um Susanna“ oder ähnlich, aber da kommt nichts. Warum genau Tristan Samuel noch mit dem Messer in die Brust sticht, habe ich nicht ganz verstanden. Mit „Herzblut“ malt er sich eine Kriegsbemalung auf, bevor er Soldaten metzeln geht. Tristan macht eine ziemliche Wandlung durch, bevor er für einige Zeit verschwindet. Und hat er tatsächlich Samuels Herz zurück zur Familie geschickt? Creepy.

Susanna bleibt zunächst beim Colonel. Und es dauert auch nicht lange, bis Alfred ihr seine Liebe gesteht – am „Grab“ des gefallenen Bruders. Creepy again. Er kassiert einen Korb. Und dann passiert’s. Der verlorene Sohn kommt zurück. Wie Lorenzo Lamas nur auf dem Pferd statt auf dem Töff reitet Tristan zurück zur Farm, wo Susanna bereits nägelkauend an der Scheibe steht. Szenen aus Shades of Grey kommen mir in den Sinn. Alfred freut sich am wenigsten über den Heimkehrer. Als Pitt bei Minute 53 am Grab seines Bruders weint, ist das Ganze so kitschig, dass ich wirklich gerne abschalten würde. Zufällig kommt Susanna gerade vorbei. Aha.

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Die Spannung zwischen den Brüdern ist deutlich zu spüren. Und bevor man noch gross ins Grübeln kommen kann, geht es zwischen Susanna und Tristan auch schon relativ wortarm zur Sache. Armer Alfred. Der verkracht sich nun arg mit dem Bruder, der nicht glaubt, dass Tristan Susanna glücklich machen könne. Als Alfred das Feld räumt, denkt man sich, der Film könnte hier doch eigentlich enden. Wir hatten sowas wie Legenden, wir hatten 40 Sekunden Leidenschaft. Aber nein.

Alfred baut sich eine Existenz woanders auf, Tristan und Susanna reiten auf der Farm um die Wette und lassen ihre Haare wachsen. In der heissen Quelle badend besprechen sie Babynamen. Ich will bitte abstellen. Tristan wird im Laufe der Geschichte immer seltsamer und depressiver, und die nägelkauende Susanna mag ich auch nicht mehr sehen. Als Tristan aufbricht, um kurz einmal Zigaretten zu holen (aka eine monatelange Reise zu machen), verliere ich ein wenig die Geduld. „Ich warte auf dich, bis in die Ewigkeit“ meint Susanna zu Tristan. Ich hingegen bete, dass der Film nicht ewig andauern wird.

Was mir im Gegensatz zur Story gefällt, sind die Briefe, welche sich die Darsteller immer wieder schreiben. Ich stelle mir immer wieder vor, wie es wäre, wenn die Geschichte in der Jetztzeit spielen würde und Tristan dauernd WhatsApp Nachrichten von Susanna kriegen würde.„Wo bist du gerade?“ / „Du schreibst mir ja gar nie!“ / „Findest du mich fett?“/ „Kannst du Milch und Brot mitbringen auf dem nach Hause Weg?“. Nicht cool.

Kein Wunder widmet sich Susanna schliesslich dem erfolgreichen (und vor allem präsenten) dritten Bruder. Aller guten Dinge sind ja schliesslich drei. To make a long story short – Susanna heiratet Alfred, Tristan kehrt irgendeinisch wieder zurück (Kravatte?!) und heiratet das junge Halbblut der Farm (warum in aller Welt heisst sie „Isabel 2“? Ist sie ein Roboter, oder ein Klon?) – Hopkins ist alt und krank. Als Hopkins mit krakeliger Schrift „am happy“ auf seine kleine Tafel kritzelt, ist das mein Highlight dieses Films. Danach geht es abwärts.

Hochzeit, Babies, dunkle Geschäfte. Tristan und sein politisch engagierter Bruder geraten sich in die Haare und Susanna schreibt Tristan noch immer von Schwärmerei geschwängerte Briefe. Das kann nicht gut gehen. Als Isabel 2 aus Versehen erschossen wird, und ihre Kinder schreien, als sie ihre tote Mutter sehen, kann ich den Quatsch kaum mehr mitansehen. Es folgt Rache, es folgt Wut. Am Ende stirbt einer nach dem Anderen – Susanna aus Kummer durch Selbstmord und Tristan Jahre später bei einem Kampf gegen einen Bären. The End?

Was soll ich sagen. Klar ist der Film in Tragik getunkt. Leidenschaft habe ich hier aber nicht wirklich viel gefunden, Kitsch hingegen relativ viel, sowie voraussehbare Handlungselemente. Als Nichtfreundin von solchen Filmen habe ich es wirklich versucht – aber das wird wohl nichts zwischen diesem Genre und mir. Ich kann nachvollziehen, was man als Fan solcher Filme an Legenden der Leidenschaft finden kann. Aber mir kommt es vor wie eine Mischung aus „Vom Winde verweht“ (dies hingegen ein grossartiger Klassiker) und „Die blaue Lagune“.Deshalb gibt es von mir leider nur 2 von 5 Daumen, und die gehen alle beide an Anthony Hopkins, der zu unser aller Glück keine Fingernägel kaut.

Und nun mein nicht minder episches Review:

„Legends of the Fall“, von einem sprachlichen Genius sehr frei mit „Legenden der Leidenschaft“ übersetzt, ist ein Film aus dem Jahr 1994. Damals war ich gerade mal 13 Jahre alt und ging mir lieber mit meinen Freunden „Naked Gun 33 1/3“ anschauen, mit dem genialen Leslie Nielsen. Was haben wir gelacht! Unvergesslich etwa die Szene mit den absurd unendlich-langen Beinen von Anne-Nicole Smith, der Gefängnisaufstand im Mittelteil und der Showdown bei der Oscar-Verleihung. „Naked Gun“ hat mich humoristisch geprägt wie kein anderer Film aus den 90ern. Aber es geht hier ja leider nicht um nackte Kanonen sondern um leidenschaftliche Legenden. 

„Legends of the Fall“ ist ein Film mit Brad Pitt. Nur ein Jahr später spielte Pitt zusammen mit Morgan Freeman im grandiosen Psychothriller „Seven“ mit. Darin ging es um einen Serienmörder, der nach den sieben Todsünden…aber was erzähle ich da, jeder dürfte „Seven“ mittlerweile gesehen haben. Nicht nur Brads Karriere startete mit „Seven“ erst richtig durch, auch Regisseur David Fincher rehabilitierte sich damit nach seinem eher mediokren „Alien3“. Obwohl dort das Ende eigentlich als recht gelungen bezeichnet werden darf. Schlicht sensationell ist hingegen das Ende von „Seven“: Nach der Premiere wurde Fincher von einer sichtlich geschockten Zuschauerin verbal angegriffen, es sei schlicht „abartig und pervers“ von ihm, Gwyneth Paltrows abgetrennten Kopf in einer Schachtel zu zeigen. Worauf der gute David wahrheitsgemäss antwortete, das sich so eine Einstellung gar nicht im Film befindet. Was sagt uns das? Genau, der wahre Horror entsteht eben nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers. Aber ich schweife ab.

„Legends of the Fall“ bietet viele schöne Bilder. Das hat der Film nicht zuletzt Kameramann John Toll zu verdanken, der ein Jahr später mit Mel Gibsons sensationellem Schotten-Epos „Braveheart“ einen Oscar gewinnen sollte. „Braveheart“ gehört zu einem meiner prägendsten Kinoerlebnissen, denn „Braveheart“ war eigentlich im ungeschnittenen Zustand ein „ab 18 Film“ den ich aber 1995, den damaligen Altersbestimmungen der Schweizer Kinoszene sei Dank, schon mit 14 Jahren sah. Das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Unter anderem. 

„Legends of the Fall“ hat zu meiner Menschwerdung aber erschreckend wenig beigetragen, weshalb ich lieber über andere, über bessere Filme schreiben möchte (den aufmerksamen, hübschen und wohlriechenden Lesern unter euch wird das mit ein wenig Glück auch schon aufgefallen sein). Dabei ist „LotF“ beileibe kein schlechter Film. Er ist nur unglaublich mittelmässig. Und er gehört zum mir persönlich verhassten Genre der „sie-kriegen-sich-nicht“-Filme. Das sind die, wo zwei Liebende auch am Ende der Geschichte nicht zusammenkommen, oft aus diversen melodramatischen Gründen oder simpler blöder Zufälle. Und dieser Film ist voller blöder Zufälle. Eine Tragödie jagt die nächste und am Schluss sind alle tot. Valar morghulis. Ich kann ja verstehen, wenn da die eine oder der andere verstohlen ein paar Tränchen ins Kleenex verdrücken muss, aber mich liess der Film emotional auf dem Abstellgleis.

Aber gut, ich heule auch nur bei Tierfilmen, wenn der Hund stirbt. Oder der Riesenaffe. 

 

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