Das Ende der 20 – Jetzt erst recht!

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Nachfolgend ein intimer Erfahrungsbericht zu meinen letzten Stunden als jugendlicher Jungspund, garniert mit einem kleinen kitschigen Hoffnungsschimmer am Ende, aber manchmal braucht man sowas halt.

 

Da ist er, der letzte Tag mit einer Zwei am Rücken, und er beginnt wider Erwarten recht unspektakulös. Sogar das aufstehen aus dem wohlig-wühligen Bett klappt recht gut, trotz der unchristlichen Uhrzeit, aber erfreulicherweise scheint draussen schon die Sonne. Ein absichtlich kurzer Blick in den Spiegel lässt mich erleichtert aufatmen. Ja, das sieht immer noch annehmbar aus und nein, ich persönlich würde mich nicht auf hart Ende Zwanzig schätzen, mehr so mittig halt. Trotzdem wage ich es nicht, das Licht anzumachen und stürze mich lieber auf einen gepflegten Teller Knuspermüesli. Soll ja schlecht sein für die Libido, sagt der Blick*, aber das jodelt mir um diese Uhrzeit grad gepflegt am Hinterteil vorbei. Ausserdem bin ich etwas spät dran, also ab in die Klamotten und raus an die frühfrühlingshafte Kälte.

An der Tramstation macht sich der ÖV einen Spass daraus, mir vor der alternden Visage wegzudüsen, also warte ich bibberige 8 Minuten auf das nächste 10er Tram, welches ich schliesslich zusammen mit dem Wanderuusflugsausschuss des örtlichen Frauenvereins besteige. Ich schnappe mir den letzten übrig gebliebenden Zweisitzer und freue mich nur begrenzt darüber, dass sich sogleich eine dezent muffelnde ältere Dame neben mich kuschelt, die wohl heute morgen kein Müesli gegessen hat. Folglich mache ich mich möglichst klein und gehe auf Tuchfühlung mit der kalten aber immerhin geruchsneutralen Tramwand. Die Pendlerbibel 20 Minuten warnt mich einige Augenblicke später vor der radioaktiven Wolke aus Japan, welche heute die Schweiz überqueren soll. Voll die Panikmacherei. Und sie scheint auch zu wirken, denn warum sonst lese ich beim gegenüberliegenden Blick-Am-Abend Werbeplakat „Reaktor für einen Tag“ statt  „Redaktor für einen Tag“?

Frisch aus dem Tram gehüpft ertappe ich mich bei meinem neuen Ritual, das darin besteht, in Gedanken mein Bürogebäude explodieren zu lassen. So mehrstufig, erstmal die oberen Etagen und dann stakkatomässig nach unten Rattatatabumm-bumm-badabumm. Bei einer möglichst effektvollen Sprengung wäre ich mittlerweile der Experte, aber leider existiert zu so einem sicherlich sehr befriedigenden Beruf noch kein ensprechender Lehrgang. Oder er wird vor mir geheimgehalten, weil ich einfach zu gut wäre darin. Ich seufze und betrete den Eingang mit einer Drehtüre, die sich wie immer asynchron disharmonisch zu meinem Schrittempo in Bewegung setzt, weshalb ich immer kurz innehalten muss, um nicht in eine der lustig drehenden Scheiben zu laufen. Auf jeder dieser Scheiben klebt noch breit und fett ein Anti-Baby und Anti-Hund Warnsticker, die dürfen hier anscheinend nicht rein, die Glücklichen. Ich nehme mir vor, im nächsten Leben bei der Wahl des Organismus mit mehr Weitblick und Bedacht vorzugehen.

Meine Laune bessert sich erst bei einem spontanen Entscheid (trotz meines Alters noch jung! dynamisch!) im Foyer: Um der schleichenden osteoporisierung meiner Knochen vorzubeugen nehme ich heute ausnahmsweise nicht den Lift, sondern die Treppe. Und tatsächlich: es klappt noch ganz gut mit dem Aufstieg, fast asthmaanfallsfrei komme ich im ersten Stock an. Erfolgstrunken erwäge ich die Teilnahme am „Tower Run“, dem Treppenmarathon im Basler Messeturm, dem höchsten Gebäude der Schweiz. Langsam sehe ich auch mein morgiges rundes Wiegenfest in einem neuen Licht: wäre das nicht auch die Chance auf einen Neuanfang, die Gelegenheit, all die über die Jahre aufgeschobenen Träume und Wünsche endlich in die Tat umzusetzen? Sich ein Sixpack anfuttern! Einen Baum pflanzen! Herr Pascal Merz aus Sursee ein Leserbriefverbot erteilen! Mehr Blogbeiträge schreiben! Weniger Müesli essen! Eine Staffel „24“ an einem Stück ansehen!

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht starte ich meinen Tag im Büro. Ja, ich habe noch Ziele und Perspektiven im Leben, zunehmender körperlicher Verfall zum Trotz.  30, bring it on!

* http://www.blick.ch/life/essenundtrinken/aus-der-kueche-ins-schlafzimmer-100-sex-168940

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mib blogt über Dieses und vor allem Jenes, wann immer es ihm gerade in den Kram passt. Zu finden unter https://mib1981.wordpress.com/, http://www.students.ch/ oder auf seinem facebook-profil. Er freut sich über jeden Kommentar und oder Nachricht und beantwortet diese falls gewünscht meistens freundlich.

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