Eltern!

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„Egal, jedenfalls musst du die Rechnung bezahlen.“ schloss meine Mutter mit dem für sie typischen So-ist-das-halt-im-Leben-Ausdruck. Mir war es aber ganz und gar nicht egal, ich fühlte mich unfair behandelt. Und zwar vom Staat, von wem denn sonst. Denen vom Staat, da oben in Bern, denen hatte ich nämlich in der Steuererklärung sagenhafte acht Franken fünfundneunzig zu wenig überwiesen, und jetzt hatte ich einen Einzahlungsschein für eben diese achtfrankenfünfundneunzig in den Fingern und liess mir davon den Appetit aufs Abendbrot gründlich verderben. Den Familienhund kümmerte das wenig, die knabberte unterm Esstisch fröhlich an meinem rechten Fuss, genauer gesagt meinem Pantoffel herum. Anscheinend roch der immer noch ein wenig nach Nachbarskatze, die ich damit vor einer Woche vom elterlichen Sitzplatz verjagt hatte. Ich machte mir eine entsprechende geistige Notiz, das nächste Mal keine Kleidungsstücke zur Verteidigung des Grundstücks zu verwenden.

„Wenn der Staat MIR was schulden würde, dann liesse er mich bis zum nächsten Jahr warten, aber sobald ICH bei ihm nur mit einem Rappen in der Kreide bin, dann muss ich sofort blechen. Unfair ist das, jawoll!“ Ich schluckte meinen Bissen Nutellabrot herunter und überlegte mir, wie hoch meine Chancen auf einen erfolgreichen Putsch aussehen würden. Gering, da ich ja militärdienstuntauglich bin und mein Sturmgewehr das Zeughaus demzufolge nie verlassen durfte. „Ich denke, ich sollte…AUTSCH!“ rief ich aus und unterliess es, meinen begonnenen Satz zu einem sinnvollen Ende zu führen, weil ich nach einem kurzen Blick unter den Tisch total baff war, wieviel von meinem Fuss im Rachen einer kleinen Terrierdame Platz hat. „Kannsts ja auf der Poststelle einzahlen, dann kostet es die noch Bearbeitungsgebühr.“ schlug mein Vater vor und ich hielt das für eine gute Idee, am besten, ich bringe die achtfrankenfünfundneunzig in Fünfräpplern vorbei, so wie ein Kollege von mir damals zu Schulzeiten die Kosten für die Schulreise. „Ich habe aber leider nicht genug Fünfräppler.“ knurrte ich, ungeachtet der Tatsache, meinen letzten Gedankengang nicht laut ausgesprochen zu haben, was mir zwei nicht ungewohnte verwirrte Blicke einbrachte. „Aber ich glaube ich schreibe jetzt einen geharnischten Brief an den Bundesrat!“ Mir gefiel das Wort „geharnischt“, das klang so ungezähmt und wild und ursprünglich, also wie ich. Ausserdem sieht man bei „geharnischt“ schon in Gedanken so schön die emporgereckte Stammtischfaust.  Das Wort gefiehl mir so gut, dass ich es noch einige Zeit lang beim herunterlöffeln des Erdbeerjoghurts vor mich hin murmelte. Das Erdbeerjoghurts hatte neben der geschmacklichen auch noch eine taktische Komponente: es hielt mir für ein paar kostbare Minuten den knabberfreudigen Hund vom Fuss fern. Gierig schlabberte sie den Resten Nestlé LC-1 herunter und ich ohrfeigte mich in Gedanken dafür, denn bald würden meine Pantoffeln nicht nur nach Katze, sondern auch nach Erdbeerjoghurt riechen. Wenn das so weitergeht, dachte ich mir, erschaffe ich hier nebenbei eine neue Geschmacksrichtung: Erdbeerkatzenkäse.

„Pass bloss auf mit dem Brief, so was hat dich schon mal fast ins Gefängnis gebracht.“ warnte mich meine Mutter fürsorglich. Sie spielte damit wohl auf einen Leserbrief an, in dem ich vor einigen Jahren einem Anwalt sprichwörtlich an den Karren gefahren bin, weil der der Ansicht war, Jack Bauer und mit ihm die Serie „24“ würde die Verwendung von Folter propagieren. Natürlich alles Mumpitz, was sollte der denn auch anderes machen mit diesen fundamatalistischen atombombenschwingenden Terroristen. Ausser ihnen vielleicht einen geharnischten Brief zu schreiben. „Ihr habt einfach euren Kampfgeist verloren, dabei war eure Generation mal so rebellisch, mit Woodstock und Abba und so.“ klagte ich und nahm mir noch ein Stück Schokoladenkuchen, mittlerweile waren wir beim Nachtisch angelangt. Überrascht stellte ich fest, das ich auch meinen Fuss wieder spüren konnte, der Hund jagte gerade eine herumrollende leere PET-Flasche durchs Wohnzimmer. „Jaja, jetzt kommt dann gleich Fussball.“ nahm mir mein Vater gleich die Luft aus den Segeln. Fussball! Jetzt! Wo ich doch Schulden hatte, beim Staat! „Mach einfach keinen Seich.“ meinte meine Mutter noch, als ich mich wieder auf den Weg in meine Absteige machte. „Keine Sorge, ich werde es denen heimzahlen“, murmelte ich, einem frühen Clint Eastwood nicht unähnlich. „Und zwar ganze achtfrankenfünfundneunzig.“

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