Bis(s) einer heult

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Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einer dieser Emo-Vampire aus „Twilight“. Sie wissen schon, diese, die am Tag rumlaufen können und im Mondlicht glitzern. Denn: die haben ja keine der Nachteile mehr, die ihre nähere filmische und literarische Verwandtschaft plagte. Bis auf den Blutdurst natürlich, aber der lässt sich ja auch mit Tierblut stillen.

Warum ich auf so morbide Gedanken komme? Nun, kein Wunder, wenn man abends in so eine Dokumentation zappt, irgendwas mit „Die Wunder des Lebens“, also vielleicht doch ein Wunder. Das klingt eigentlich fröhlich optimistisch und sollte mich fröhlich-beschwingt ins Land der Träume schicken, denkt man. Oder man denkt an eine offenherzige Reportage von Oswald Kolle, schliesslich war es schon kurz vor zehn. Falsch gedenkt. Ich versuche hier mal, aus meiner Erinnerung einen Auszug wiederzugeben:

Das ist Melinda, sie ist 50 Jahre alt. Melindas Eierstöcke produzieren keine Eier mehr (Einblendung einer Computeranimation von Melindas Eierstöcken, die frappant an diese trockenen Büsche erinnern, die manchmal in Western durchs Bild rollen). Melindas Leben als fruchtbare Frau ist vorbei. Melindas ist nun älter geworden, schon zwischen 30 und 40 Jahren hat ihr Körper begonnen, weniger Mytochondrien zu bilden, deshalb ist Melindas Haut auch nicht mehr schön straff. Trotzdem muss Melindas Körper den Anforderungen der Umwelt durch die Doppelbelastung als Mutter und im Beruf standhalten (Einblendung, wie Melinda vom gedeckten Küchentisch ab ins Büro weibelt, tief durchatmet und in ihren BMW-Sportwagen steigt, wahrscheinlich, um shoppen zu gehen).

(Schnitt, nächste Szene)

Melinda ist nun Grossmutter und eine alte Frau. Ihr Leben ist ruhiger geworden. Ihr Körper ist nicht mehr so gut durchblutet und der Alterungsprozess ist weit fortgeschritten. Sie sieht und hört auch nicht mehr sehr gut (Animation von Melindas Augäpfeln, mit spröde aussehnden Sehnerven, die aussehen, wie diese Kalkablagerungen in Calgonit-Werbespots). Melinda hat früher gerne getanzt, diese und auch andere Tätigkeiten, die für sie früher kein Problem waren, bereiten ihr nun extreme Mühe.

Hier hab ich ausgeschalten, zu gross war mein Mitleid mit Melinda. Ich konnte einfach nicht mehr. Vermutlich wäre es aber so weitergegangen:

Jetzt ist Melinda tot. Sie stinkt ein wenig, das liegt am Verwesungsprozess. Ab und zu steigen von ihrem Körper auch übel riechende Gase auf, das sogenannte Leichengas. Maden krabbeln auf ihrem Körper rum und…

Ok, das reicht jetzt. Schliesslich will ich meine Deprostimmung nicht weitergeben. Aber wenn man mich fragt, habe ich gerade den Grund für den gesellschaftlichen Jugendwahn gefunden: schonungslose TV-Dokus. Und es soll mir bitte mal jemand diesen Edward anrufen, ich würde mich gerne beissen lassen. Ganz platonisch, natürlich.

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