Dort wo es menschelt

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Es ist ja schon seit längerem ein offenes Geheimnis, dass die guten alten lokalen Poststellen verschwinden, um nach und nach durch Mobilfunkantennen ersetzt zu werden. Selbst mich als technikaffinen Nicht-ohne-Handy-aus-dem-Haus-geher erfüllt diese Entwicklung mit einer gewissen Wehmut. Gut, das ich endlich mal ein Paket aufgeben muss, welches man nicht zippen und komprimieren konnte, weshalb ich auf klassische analoge Bearbeitung angewiesen bin. Also nichts wie los dahin, wo die Post abgeht.

Erst mal bin ich ein wenig perplex, hier siehts beinahe aus, wie in einem Gemischtwarenladen. Hinter den Bestseller-Buchgestellen, Grusskartenauslage und Laptops zum Sparpreis erspähe ich aber doch die vertrauten Bedienungsschalter. Da ich noch ein wenig warten muss, bestaune ich die diversen Paketsorten. Hut ab vor den Verpackungstechnologen, wie da mit ein wenig Gefalze stabile Boxen entstehen, hat schon was für sich. „WISSEN SIE, MEIN NAME IST HUBER UND ICH WAR GESTERN UM DREIVORZWÖLF SCHON DA“ reisst mich plötzlich die Stimme der älteren Dame vor mir aus den Gedanken. „UND JETZT IN EINER RUHIGEN MINUTE IST MIR PLÖTZLICH EINGEFALLEN, ALSO, DER WOHNT JA GAR NICHT AN DER REUMELINSSTRASSE SONDERN AN DER MARBACHALLEE. WISSEN SIE, DER IST DOCH UMGEZOGEN, WEIL ER SICH HAT SCHEIDEN LASSEN!“ betohnt die Dame weiter und schafft dabei das Kunststück, so laut und doch freundlich zu reden, das selbst der betagte Herr hinter mir verstohlen sein Hörgerät leiser stellt. „UND GESTERN DA WAREN SIE AUCH SCHON DA, WISSEN SIE, FRAU KUSCHNELL, ALSO ICH MUSS SCHON SAGEN, DER KUNDENSERVICE HIER IST TIPPTOPP, NICHT SO WIE BEI DER BAHN, DA IST MITTLERWEILE ALLES ELEKTRISCH UND WISSEN SIE ICH HABE SO BEINSCHMERZEN ZUR ZEIT. DANKE. VIELEN DANK.“

Und das ist jetzt die gekürzte Fassung. Fazit: ich weiss nach fünf Minuten Postaufenthalt mehr über die resolute Dame und ihren lasterhaften Kreis, als ich nach fünf Jahren über die meisten Facebook-Freunde in Erfahrung bringen konnte. Bei der Post, da menschelts halt. Das berührt mich irgendwie irgendwo tief in mir drin, analog und so. Als ich der freundlichen Bedienung schliesslich mein Paket zuschiebe, schwingt in meinen Gedanken wieder ein kleines bisschen midlife-crisige Melancholie mit, denn, wo sollen Leute wie Frau Huber denn bitte ihre alltäglich banalen und gerade deshalb so wertvollen Geschichten unter die Leute bringen, wenn es die örtlichen Postfilialen als Ort der Begegnung und Vermittlungsmöglichkeit allerlei Trivialitäten nicht mehr gibt?

Vielleicht sollte ich Frau Huber das bloggen beibringen.

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