Die Jugend von heute und von früher

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Letzte Woche habe ich ja bekanntlich meinen Blogeintrag verschlampt. Millionen treuer Fans haben sich daraufhin lauthals beschwert, getrauert und auf den Boden gestampft. All die Grusskärtchen, Blumensträusse und nicht zuletzt die abgehackten Pferdeköpfe auf meinem Kopfkissen haben mich dann endgültig davon überzeugt, dass ich diese Woche wieder irgendwas eintragen sollte. Here. We. Go.

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass der Mensch sich mit zahlreichen Dingen umgibt, die er eigentlich gar nicht braucht. Keine Sorge, das wird hier kein antikapitalistisches Manifest, vielmehr will ich hier eine mehr oder weniger gekonnte Überleitung machen. Ich beziehe mich auf den gestrigen Artikel im Wirtschaftsteil der Basler Zeitung namens „Der Ware Wert“, der das Phänomen der Kauflust, leider nicht sonderlich erfolgreich, erforschte. Da der Artikeltext allein ausser einem ausgelutschten Descartes-Zitat die Rechtfertigung für seine prominente Platzierung auf der Frontseite schuldig blieb, gingen die findigen Journalisten noch schnell auf die Strasse und zogen einige wehrlose Passanten zur Stellungnahme vor die Kamera. Eine gesunde Durchmischung diverser Bevölkerungsschichten wurde dabei aber nicht erreicht, die sensationell geringe Bandbreite reichte vom Altersheimbewohnter bis zum Surprise-Verkäufer. Also halt alles, was man nachmittags um vier so vorm BaZ-Redaktionsgebäude antrifft. Einzig der Schüler Jan (7) stach aus der Masse heraus, allein schon, weil sein letztes Konsumgut, das er sich gegönnt oder geschenkt bekommen hatte, kein Heftli und auch keine Zigaretten waren. Nein, Jans ganzer Freude gehörte einer Armbanduhr, die „hören, strahlen, Geheimschriften entziffern und schiessen kann“. Ich musste lächeln, der kleine Jan war der bunte Fleck auf der sonst grauen Zeitungsseite.

Nicht lächeln musste Herrn Hanspeter S. aus B. Er hat sich so fürchterlich aufgeregt, das er gleich einen Leserbrief schreiben musste, welcher heute auch abgedruckt wurde, wohl einzig und allein deshalb, weil sich endlich wieder ein Leserbrief nicht mit dem Rauchverbot, der Ausländerintegration oder mit „Rettet den Hans-Huber-Saal“ beschäftigt. Hanspeter schrieb:

„Eine Armbanduhr, die hören, strahlen, Geheimschriften entziffern und schiessen kann (!), hat Jan (7) geschenkt bekommen. Na toll. Da stellt sich nur die Frage, was schenkt man einem wie ihm in zehn Jahren? Einen Roboter, der die Hausaufgaben macht? Früher hatte so manches Kind nicht einmal eine Armbanduhr und war seltsamerweise auch zufrieden. Wann hat dieser elektronische Irrsinn endlich den Zenit erreicht? Wohl erst dann, wenn sich damit kein Geld mehr verdienen lässt.

Ja, richtig gelesen. Hanspeter, das ungekrönte Gewissen der Gesellschaft, hackt auf einem Siebenjährigen rum, der sich ab seiner billigen Plastikuhr mit diversen Gimmickfunktionen freut, höchstwahrscheinlich die Heftbeilage der letzten Micky Maus Ausgabe. Nicht falsch verstehen: Jan wird sich sicher ungemein freuen, Hanspeters Worte der Mahnung zu lesen, schliesslich muss Jan ja wissen, das vor seiner Geburt alles besser war. Denn früher wurden kleine Jungs wie er noch gezüchtigt und es gab bei unflätigem Benehmen schneller mal mit dem Lineal eins auf die Finger, als der gute Jan heute die Strahltaste seiner Uhr betätigen kann. Hanspeters allmächtiger Wahrnehmung ist es auch zu verdanken, dass wir nun mit absoluter Sicherheit sagen können, das die Jugend früher auch ohne moderne technische Kinkerlitzchen wie einer Armbanduhr vollumfänglich zufrieden war. Kurz: Hanspeters Generation war so absolut zufrieden, dass sie heute im Pensionsalter nichts besseres zu tun hat, als kleinen Kindern die Freude am heissgeliebten neuen Spielzeug zu nehmen und sie in einem Leserbrief öffentlich anzufickenpöbeln.

Ich habe mir daraufhin ans Herz gefasst und der BaZ ebenfalls einen Brief geschrieben, welcher vermutlich nicht abgedruckt wird.

Lieber Hanspeter, da sich der kleine Jan gegenüber einem wie Ihnen nicht wehren kann, respektive seine Rhetorik vermutlich noch nicht im vollen Umfang gereift ist, fühle ich mich in hohem Masse dazu bemüssigt, Ihnen mit den reichhaltigen Mitteln der deutschen Sprache eine vor den Latz zu knallen. Jan und die heutige Jugend im allgemeinen kann nichts dafür, dass Sie sich in einer zunehmend vernetzten und technisierten Welt, welcher Sie vermutlich auch Ihren Herzschrittmacher verdanken, nicht mehr zurechtfinden. Es ist ihr Problem. Leben Sie damit. Hoffentlich noch ziemlich lange.

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