Radio Gaga

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Es war der grosse Hahnenkampf der letzten Woche: Der einstige Radiopirat, Sat1-Chef und heutiger Inhaber von Radio Energy, Roger Schawinski, liegt sich mit dem Bündner Medienmogul Hanspeter Lebrument in den Haaren, die einen gefärbt und chruselig, die anderen mausgrau, respektive kahl. Grund: Schawinskys Energy reichte anscheinend nicht aus, die Leute vom Bundesverwaltungsgericht zu überzeugen, Lebrument bekam den Zuschlag. Keine Konzessionen mehr, keine UKW-Frequenz mehr. Radio Energy droht die Schliessung.

Nun könnte man sich fürchterlich drüber aufregen, lamentieren über die rückgängige Vielfalt in der Schweizer Radiowelt. Ich ringe mich zu einem Schulterzucken durch, weil, ganz ehrlich: Radio saugt.

Oder besser: Radio würde saugen, wäre es nicht schon längst tot. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie die Billag allen Ernstes für sowas noch Gebühren verlangen kann. Radio, der einstige Pionier in Sachen Massenmedium hat es bis heute nicht geschafft, sich neben Konkurrenz wie TV und Internet klar zu positionieren. Die engen Grenzen des Mediums auszunutzen, ja, daraus eine Tugend zu machen. Und wer jetzt hier abwinkt und denkt, ich würde melodramatisieren, der schalte jetzt gleich mal Radio Basilisk ein. So tönt s’Läbe.

Kommen wir gleich zur Kerndisziplin des Radios, der Musik: Ja, Gnarls Barkley’s Crazy war ja vielleicht ganz nett im 2004. Aber es gibt keinen Grund, ihn auch sechs Jahre später noch dreimal am Tag durch den Äther zu jagen. Nein, „Crying at the discotheque“ war schon vor 8 Jahren nerviger Mist. Trotzdem klatschen ihn die Musikredaktionen auch heute noch regelmässig auf ihre Playlist. Warum? Eine gute Frage. Hier ist eine weitere: warum bietet meine (ehrlich bezahlte) mp3-Sammlung mehr Abwechslung und deckt ein breiteres Spektrum der Musiklandschaft ab als die CD-Sammlung hiesiger Radiosender?
Klar, die aktuelle Top-10 muss berücksichtigt werden, keine Frage. Ich rede hier aber vom reichhaltigen musikalischen Fundus der letzten 50 Jahre, der die Zeit dazwischen füllen könnte. Man kann mir nicht erzählen, das die breite Masse heute immer noch begeistert aufkreischt, wenn Robbie Williams und Nicole Kidman „Something stupid“ aus den Radioboxen trällern. Ich kann den Song mittlerweile auswendig. Echt.

Nächster Punkt: Newssendungen. Praktisch die einzige Fahne, die das Radio noch einigermassen hochhalten kann. Wohlgemerkt verstehe ich unter Newssendungen nicht das selbstverliebte Getalke eines Christian Heeb auf „Radio Basel“. Sondern ganz normale Nachrichten, gesendet jeweils zur vollen Stunde. Natürlich variert auch hier die Qualität von Sender zu Sender, so versucht beispielsweise DRS1 regelmässig, bei seinen Auslands-reportagen ein paar Nebengeräusche einzufangen oder aus Afrika noch jemanden etwas Suaheli ins Mikro nuscheln zu lassen. Wirkt zwar ungemein authentisch, verstehen tue ichs trotzdem nicht, das heisst vielleicht würde ich es verstehen, wenn der Simultanübersetzer nicht gleichzeitig quasseln und so das Audiochaos perfekt machen würde.

Aber zurück in die Region, denn wir kommen..zum Sport. Also zum Fussball, was wiederum früher oder später zum FCB führt. Basel, nicht Barcelona. Radio Basilisk lobt sich in seinen Spots selber dafür, an jedem Spiel einen Reporter vor Ort zu haben, der live aus dem Stadio berichtet, die vielgerühmten „Emotionen“ einfängt und den Zuhörern übermittelt. In der Praxis sieht das dann so aus: 1 Minute Berichterstattung, gefolgt von „Musik“ mit „Ha nur wellä wüssä ob ich dich cha küssääää“, dann wiederum ein-zwei Minütchen Fussball und dann schnell wieder irgendeine Popschnulze, damit ja niemand den Sender wechselt. Das ist nicht Fussball live, das ist Fussball light. Seit nicht mehr jedes grössere Match im öffentlichen Fernsehen gezeigt wird (vielen Dank, Teleclub) bleibt Radio Basilisk die einzige Möglichkeit für nicht Stadionbesucher, dem FCB beim Verlieren beizuwohnen. Frage an die Basilisken: denkt ihr tatsächlich, jemand würde am Sonntagnachmittag zwischen 16 und 18 Uhr euren Sender einschalten um Musik zu hören, die unterbrochen wird von ein wenig Fussball? Warum bringt ihr nicht Fussball, der von rein gar nichts unterbrochen wird?

Vermutlich ist die Antwort ganz einfach: wischi-waschi. Die Radiosender von heute sind dermassen darum bemüht, es jedem Recht zu machen, das sie alle gleich klingen. Mit Ausnahme von Radio X, wo man nicht so wirklich weiss, ob sie es überhaupt jemandem Recht machen wollen, aber immerhin bieten die dort was abseits vom mainstreamigsten Mainstream. Radio X hat ein Profil. Nochmals langsam zum mitlesen: P-R-O-F-I-L. Legt euch sowas zu, macht interessante Reportagen und Sendungen, bringt Abwechslung in euer Musikprogramm. Vielleicht werdet ihr dann zwei-drei Hörer weniger haben. Der Rest wird euch aber dafür ewig treu sein.

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