Oldies, Mumien und Luftballons – Ein Erfahrungsbericht

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19. September 2009, 20:05 Uhr
Samstagabend. Keine Männerrunde, keine Party und kein Kinobesuch. Nein, heute ist tanzen angesagt, „Oldies but Goldies“ in der Elisabethenkirche Basel, 40. Jubiläumsausgabe. Schweren Herzens lasse ich meine Schlaghosen im Schrank und entscheide mich für die klassische Hemd-und-Jeans-Kombo. Shake it, baby!

20:34 Uhr:
Die Warteschlange ist noch recht übersichtlich, ich bezahle 25 Franken hart verdientes Geld Eintritt plus nochmals zwei Stutz für die Garderobe. Dann ist sie wenigstens gut gesichert, denke ich mir. Bei der Jugend von heute kann man ja nie wissen.

20:40 Uhr:
Eigentlich dachte ich, „Oldies but Goldies“ würde sich auf die Musikauswahl beziehen, selten an einem Abend so viele Brüste auf Halbmast gesehen. Sämtlichen Gesetzen der Rheumatik trotzend zuckelt eine geschätzte End-Siebzigerin an mir vorbei mit einem offensichtlich von ägyptischen Hieroglyphen inspirierten Tanz. Schaudernd wende ich mich ab. Wenigstens brauche ich mir um meine Brieftasche keine Sorgen mehr zu machen.

21:15 Uhr
Nach einigen ungelenken Tanzversuchen stelle ich mich an die Bar und will mir einen zünftigen Cocktail genehmigen. Vielleicht klappts dann besser mit dem Rhythmus. Bevor ich mir meinen eigenen Tanzstil schöntrinken kann, hab ich auch schon die Ernüchterung: Wasser, Cola, Rivella, Weisswein und Bier. Oldies but Goldies bezieht sich offensichtlich auch auf die Getränkeauswahl. Da ich weder Lust auf Bier noch auf potentiell gepanschten Weisswein habe, bestelle ich mir eine Cola. Einige Sekunden später stehe ich Bogartmässig in einer neogotischen Ecke und nippe an meinem Plastikbecher. Der Rohstoffpreis für selbigen ist anscheind wieder steigend, anders kann ich mir den Preis von 5 Franken nicht erklären. Zudem frage ich mich, wohin sich die Kohlensäure meiner Nicht-Brause hinverdrückt hat, da will ich nämlich mittlerweile auch hin.

21:30 Uhr
Todesmutig mische ich mich wieder unters Tanzvolk. Es werden immer mehr und der Altersdurchschnitt auch immer jünger, trotzdem stösst mich nach einiger Zeit die ägyptische Mumie von vorhin zielsicher von hinten an. Instinktiv will ich auf dem digitalen Steuerkreuz meinen Bathook auswählen, mich blitzschnell auf die Brüstung hochziehen und alle Gäste nacheinander mit meinem Batarang ausknocken, bis ich schliesslich enttäuscht feststelle: ich bin nicht Batman. Und ich habe in letzter Zeit eindeutig zu viel „Arkham Asylum“ gespielt.

21:50 Uhr
Ich gebe frustriert den Tanz-Kampf auf, die anderen haben einfach die spitzeren Ellbögen als ich. Resigniert greife ich zu meiner halb-leer getrunkenen Cola und stell sie in einer beeindruckend-fliessenden Bewegung wieder zurück. Mein wertvoller Plastikbecher war ganze 30 Minuten lang unbeaufsichtigt und ich will nicht wissen, wie viele der anwesenden Rentner K.O.-Tropfen mit sich herumschleppen. Bei den Senioren von heute kann man ja nie wissen.

22:17 Uhr
Irgendwie haben hier alle ihren Spass ausser mir. Ich bin ein klein wenig neidisch. Ich beschliesse, mich an den einzig freien Platz unter einer Soundbox zu setzen und mir einen gehörigen Tinitus zuzuziehen, während ich allen anderen beim extatischen Zucken und Winden zusehe. Gleich rechts von mir gebärdet sich eine Mitt-Vierzigerin wie die besessene Göre im Exorzisten.

23:08 Uhr
Der Sound ist mittlerweile rockiger geworden, gut so. Das bringt allerdings einige der Jubiläums-Ballons an der Decke zum Platzen, so das ab und zu einige vor Schreck zusätzlich lustig zusammenzucken. Gemäss Plan sollten die „5000 Ballons“ wohl um Mitternacht auf die tanzende Meute runtersegeln. Selbst die wenigen 100, die hier tatsächlich damoklesschwertmässig an der Decke hängen, werden es schwer haben, noch eine Lücke in der Tanzfläche zu finden.

23:32 Uhr
Ich schenke mir das Ballonspektakel und setze mich zusammen mit meiner Begleitung und einer Gruppe versiffter besoffener Teenies ins 10er Tram. Ich sinniere in Gedanken darüber, was es bräuchte, um mich fürs Tanzen zu begeistern: Dramaturgie, Spannung, Spiel, Schokolade. Und eine Highscoreliste, verdammtnochmal.

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