Das Böse ist rosa

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Es war einmal ein anfänglich ziemlich langweiliger Tag im Büro. Eigentlich nicht erwähnenswert und schon gar nicht niederschreibenswert, aber es gehört ja zum guten Ton eines Blogs, dass das Triviale hochstilisiert und rausgeputzt wird. Et voilà, wie der Franzose sagt. Die Stunden ödelten also unanständig langsam an mir vorüber und ich fragte mich, ob ich mich so in zehn Jahren überhaupt an heute erinnern werde, wo doch gar nichts erinnerungswürdiges passiert ist. Was soll ich dann als alter Grufti meinen Enkeln erzählen? „Erzähl uns von früher, Grosspapi! – „Früher wars langweilig“ – Oooch.“
Nicht gerade eine wohlige Vorstellung des Rentnerparadises.

Ich versuchte also gerade auf Teufel komm raus dem heutigen Tag einen tieferen Sinn zu geben, indem ich mir überlegte, wie lange mein Büro einer Zombieattacke standhalten würde, als etwas schlimmeres den Raum betrat: ein wandelndes Klischee.

Das Klischee wurde von mir erst wahrgenommen, als sie ihr rosa Handtaschenmonstrum zielsicher auf dem „Off“-Schalter meines Desktopprinters platzierte. Ich beendete mit zielsicheren Klicks meine „Bejeweled“-Partie und suchte und fand erfolgreich den Blickkontakt. Mein Gegenüber war blond, gegen Ende 30, hatte botoxgetunte pinkfarbene Lippen und war von schlanker Statur, ihres silbergrauen Porsche Carreras nicht ganz unähnlich. Mein geschultes Auge vermittelte zudem meinem Hirnstamm blitzschnell die visuelle Typeneinschätzung einer gelangweilten wohlhabenden Hausfrau auf dem Selbstverwirklichungstrip.Wohlhabende Hausfrauen auf dem Selbstverwirklichungstrip aus der hiesigen Umgebung haben a) das Bedürfnis in der lokalen Kunstszene Fuss zu fassen, b) einen Shop mit esoterischen Naturheilmitteln oder c) ein eigenes Nagelstudio in der Innenstadt eröffnet. Dies war eindeutig Typ c. Ich begrüsste Typ c mit einen steifen Lächeln und hielt gleichzeitig Ausschau nach einer kleinen kläffenden Bestie, fand diese jedoch glücklicherweise nicht.

Frau Typ c) wollte natürlich das volle Programm an Visitenkarten, Briefbögen, Kuverts und Infobroschüren, hatte die Gestaltung aber schon einer renommierten Werbeagentur aufgetragen.
Mit deren Design war sie aber nicht zufrieden, weshalb ich trotzdem den ganzen Nachmittag an Fingernagelfotos und rosa gewunden Schriftvergewaltigungen herumwursteln durfte.

Die Moral des dieswöchigen Blogeintrags, liebe Leserin und lieber Leser, ist deshalb von ergreifender Schlichtheit: schätze immer einen gepflegt-langweiligen Tag im Büro, er kann schliesslich jederzeit zu einem nervigen Tag mutieren. Und Zombies sind nichts, worüber man sich fürchten sollte.

Nagelstudios aber sind die Hochburg wahren Grauens.

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