Und nun zur Werbung

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Letzten Samstag fühlte ich mich wie Marcel Reich-Ranicki bei der Uebergabe des deutschen Fernsehpreises. Gut, ich weiss nicht, was genau der ehrwürdige Herr Ranicki gefühlt hat, aber ich glaube, meine Gefühlswelt kam jener von Herrn Ranicki ziemlich nah, denn ich hab mich ganz vornehm aufgeregt.

Warum? Nun, ich war im Kino. Mal wieder. Der neue Bond. Balkon, erste Reihe, siebter popcornübersähter Sitz von rechts. Nein, der Film war nicht der Grund für mein Ausbruch negativer emotionaler Energie. Es waren die 20 Minuten Werbung davor.

Vor etwa zehn Jahren sah es im selben Kino, am selben Platz anders aus. Gut, das Popcorn war auch schon da, aber auf der Leinwand erstreckten sich die Ländereien einer Ranch irgendwo im amerikanischen mittleren Westen, einige schüchterne Sonnenstrahlen stachen durch den Morgennebel und tauchten die Szenerie in ein märchenhaftes Licht. Ein kerniger, fast und doch nicht ganz rasierter Cowboy treibt die Pferde auf die Weide, untermalt von donnernden Hufgeräuschen aus den zahlreichen Surroundboxen. Am Ende zündet er sich genussvoll eine Zigarette an. Schnitt in die Gegenwart: Zitternd, mit den Nerven am Ende rufe ich der Leinwand verzweifelt zu: „Gebt mir den Marlboro-Mann zurück!“

Der Leinwand war das natürlich völlig egal, sie bombardierte mich lieber weiter mit billiger, schlecht gemachter Dialäktregionalwerbung irgendwelcher Metallbauer, Carosserien und Informatikfuzzies. Und wenns mal nicht regional, sondern national wird, kommt garantiert der achsowitzige, mit sauglatten Comicsoundeffekten unterlegte Handywerbespot einer nationalen Discounterkette. Spätestens jetzt wähnte ich mich nicht mehr im Kino bei der Ausstrahlung eines grossen Films, sondern bei der Jubiläumsveranstaltung des nachbarörtlichen Männerchors.

Bitte nicht falsch verstehen: ich rauche nicht, trinke höchstens Mal zum Essen ein Glas Wein. Aber selbst die schlechteste Zigaretten- und Alkoholwerbung hatte einen gewissen Stil, hatte Glamour, stimmte hervorragend auf den bevorstehenden Film ein. Heute überlege ich mir ernsthaft, das zu tun, was schon viele machen: 20 Minuten später ins Kino zu gehen.

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